Das segert.net weblog schrieb ich zwischen Oktober 2003 und Dezember 2007 mehr oder weniger intensiv. Weiter mit dem Blogging geht es auf ralph-segert.de.
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Ausschnitt aus einem Werbeplakat von Piet Zwart
Es war das Buch “Die neue Typographie” von Jan Tschichold, einem Begründer der modernen Typografie, das mich zu einem Redesign meines Weblogs inspiriert hat. Ich habe das Werk kürzlich aus dem Regal gezogen: Ein 19 Jahre alter, hochwertiger Nachdruck der ersten Auflage von 1928. Tschichold formuliert darin die “Grundsätze der Neuen Typographie”. Selbstverständlich sind die bis heute leider nicht, im Webdesign noch weniger. Dabei lassen sie sich zum Teil sehr gut für die Layoutgestaltung im Web anwenden. Ja, sie sind ein Muß, wenn man unter Zugänglichkeit nicht nur das versteht, was sich unter der Haube einer Website verbirgt. Tschicholds Grundsatz lautet:
Die Neue Typographie unterscheidet sich von den früheren dadurch, daß sie als erste versucht, die Erscheinungsformen aus den Funktionen des Textes zu entwickeln. S. 68
Die Funktionen des Textes sind “der Zweck der Mitteilung, die Betonung (Wortwert) und der logische Ablauf des Inhalts”. Tschichold formuliert ein paar Seiten später, was das in der Praxis bedeutet:
Notwendig ist … eine sinngemäße Gliederung des Textes durch Größenunterschiede, Stärkegrade, Stellung im Raum, Farbe usw. S. 72
Bedeutsam sind zudem die zahlreichen dem Layouter zur Verfügungen stehenden Kontrastmöglichkeiten:
Schon die einfachen Gegensätze: groß-klein, hell-dunkel, waagegerecht-senkrecht, rechteckig-kreisrund, flächig-”plastisch”, geschlossen-aufgelöst, bunt-unbunt bieten unendlich viele Möglichkeiten einer sichtwirksamen Gestaltung. S. 72
Und einen Absatz später formuliert er das, was Blogger und Webdesigner im Hinblick auf die Formatierung ihrer Überschriften einsetzen:
Der Unterscheid der Grade darf erheblich sein; es wird immer besser sein, die Schlagzeile sehr groß, das übrige beträchtlich kleiner zu setzen. S. 72
Gerdezu aus der Seele spricht mir Tschichold, wenn er die Bedeutung großer weisser Flächen hervorhebt:
Die schlagende Wirkung mancher Beispiele der Neuen Typographie beruht gerade auf der Verwendung großer weisser Flächen: Licht wirkt stets intensiver als Grau oder Schwarz. Starke Gegensätze zwischen Weiß und Schwarz in Form von Flächen oder Balken machen die Lichtwirkung des Weißen bewußt und steigern damit die Wirkung erheblich. S. 74
Was nun die Anwendung der Farbe angeht, so folgt sie in der Neuen Typografie der Funktion der Hervorhebung. In diesem Zusammenhang fand ich Tschicholds Bewertung des Roten bemerkenswert:
Weiß hat z.B. die Eigenschaft, das einfallende Licht zurückzuwerfen: zu strahlen. Rot tritt vor jede Farbe, es erscheint stets näher als irgendeine andere Farbe, selbst als Weiß. S. 74
Diese Zitate sollen reichen. Sie motivieren vielleicht, das eine oder andere beim nächsten Redesign zu berücksichtigen. Im dem Werk Die neue Typografie folgen zahlreiche bildliche Beispiele für eine falsch verstandene “Neue Typographie” und eine vorbildlich angewendete. Einige Abbildungen haben für mich als Webdesigner und Layouter eine stark inspirierende Wirkung.
Man bekommt das Buch übrigens zur Zeit beim Münchener Bärendienst Buchversand (Telefon: 089/503508) als Mängelexemplar für den halben Preis. Ich habe mir dort die beiden Bände Jan Tschichold: Schriften 1925 - 1974, hrsg. von G. Bose und E. Brinkmann, Berlin 1991/92 bestellt.
Jan Tschichold, geb. am 2. April 1902 in Leipzig; gest. am 11. August 1974, arbeitete als Typograph, Grafikdesigner, Autor, Lehrer und Schriftgestalter. Zurecht gilt er als einer der großen Schriftgelehrten des 20. Jahrhunderts. Wer ihn und sein Schaffen näher kennenlernen möchte, besuche die folgenden Links:
Da wäre eine sehenswerte Ausstellung zum Hundertjährigen Geburtstag von Jan Tschichold aus dem Jahre 2002 (Flash). Gut ist auch die Site über die von Tschichold entwickelte Sabon Antiqua mit dem wohl bekanntestem und sympathischen Portrait des Künstlers.
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4 Kommentare | Kommentar schreiben
1. goncourt am 26. Februar. 2006 um 02:09
Ha. Sehr schön (auch das Redesign).
2. Ralph am 26. Februar. 2006 um 15:57
Dann feier ich zwei Volltreffer. ;) Danke.
3. Christoph am 9. April. 2006 um 11:29
Nett ist auch Tschicholds Buch “Erfreuliche Drucksachen durch gute Typographie” von 1960. Darin ist schön zu erkennen, dass die Schriftsetzer über ein (heute würde man sagen) Usability-Bewusstsein verfügten, das im Webpublishing-Bereich erst in letzter Zeit wieder entdeckt wurde. Tschichold nennt es beispielsweise eine Kunst, “[...] den gegebenen Text so anzuordnen, daß er vom Leser in allerbequemster, völlig müheloser Weise aufgenommen werden kann [...]” (S.12).
Viele Grüße!
4. Ralph am 23. April. 2006 um 15:44
Danke für die Hinweise. :-) Das Buch kannte ich noch nicht.