Das segert.net weblog schrieb ich zwischen Oktober 2003 und Dezember 2007 mehr oder weniger intensiv. Weiter mit dem Blogging geht es auf Ratatatam und bald auch wieder auf unserer Agentursite segert.net.
ralphs
Dieter Grönling schreibt über den Forschungsgegenstand Internetsucht. Interessant in dem Text ist der Begriff Infomanie. Er meint einen Rückgang der Intelligenz sowie eine Verminderung sozialer Kontakte und der Fähigkeit zur Konzentration durch ständige Aufmerksamkeit am Computer und beim Internetzen, was zu einem Multitasking im Gehirn führe, das die genannten Symptome hervorrufe. Der These dahinter, das Internet mache dumm, stimme ich zwar nicht zu (wäre ja noch schöner), doch im Hinblick auf die Verringerung der Konzentrationsfähigkeit sehe ich Parallelen zu meinen Erfahrungen.
Die Fähigkeit zu längerem konzentrierten Arbeiten scheint mir seit einiger Zeit schwerer zu fallen (wenn es nicht grad eine kniffelige Aufgabe zu lösen gibt, die mich alles vergessen läßt). Im Laufe der Jahre ist ein Gewöhnungseffekt eingetreten. Eine Gewöhnung an ständiges Abrufen von Email und Feeds, das Sich-ablenken-lassen durch Weblogs, Online-Medien, Kommentare, kurzweilige Videos, Audio-Files. Eine Gewöhnung an das gleichzeitige Tun von mehreren Aufgaben sowie die ständige Vermischung von Wichtigem und Unwichtigem, Eiligem und Nicht-Eiligem in schnellen Parallelhandlungen. Und wie oft wussten Sie nicht mehr, was Sie gerade getan, gelesen, gedacht, erkannt hatten? Und ist die Zeit nicht wieder vergangen wie im Fluge? Und was haben Sie geschafft?
Im letzten Jahr habe ich noch geglaubt, Multitasking sei etwas vorteilhaftes. Ich redete mir ein, dass ich dabei zügig abarbeiten würde. Zack Zack und immer drei Taten auf einmal, manchmal auch vier. Zwei kleine und zwei große. Manchmal gelang das auch, das war ungemein erhebend. Letztendlich aber ist dieses kognitive Zappen der Graus jeder gemäßigten Zeitökonomie. Es wird nichts wirklich und alles nur halb gemacht. Konzentration wird aufgeteilt in immer kürzer werdende Konzentrationshäppchen, die nicht weh tun, unverbindlich sind und letztendlich den Sinn und Zweck von Arbeit und Kreativität zerstören. So meine Vorstellung bei dem Gedanken, wenn ich so weiter mache, …
Die Auflösung der Konzentration geht einher mit einem Verlust von Erinnerungsvermögen und Lernfähigkeit. Aufgefallen ist mir das bei meinem Unterfangen, jeden Tag etwas Englisch zu lernen. Ich fühlte mich – zu einer Zeit, an der ich sonst am Rechner saß – anfänglich fast nackt mit nur einem Buch in der Hand und schaute in die Runde, als suchte ich eine Maus, einen Kommentar oder ein paar Buttons zum Anklicken ;). Das Einprägen war schnell anstrengend, Lückentexte eine Zumutung, für einfache Wörter brauchte ich Tage. Wer kennt als fleissiger Textescanner nicht den Effekt, das Aufgeschnappte und auch das intensiv am Rechner Gelesene schnell zu vergessen? Falls es nicht eine Zeit weiterbeschäftigt hat. Leichter gedacht als getan das! Oft springt mich bereits vor Beendigung von vorletzten und letzten Sätzen der nächste Text an, und der nächste Ton und das nächste Bild stehen auch schon an und verlangen nach meinen schwirrenden Augen. Wie verzweifelt wäre ich wohl, wenn es nicht suggerierte Ersatzhirne wie Bookmarks, Wikis und Blogs gäbe?
Die coolste Technik aber wird meinem Kopf nicht helfen können. Zumindestens mein Kopf braucht Zeit für das Einprägen, auch Beschäftigung mit einem Thema genannt: Diskussion, Notizen, verweilende Gedanken. Das ständige Springen zwischen Tätigkeiten und Themen aber, die manchmal bereits im Minutentakt stattfindene Verlagerung von Aufmerksamkeit entwöhnen mich dem aktiven Aneignen von Wissen, machen zudem Gedächtnisleistungen überflüssig.
Als leichteste Gegenmaßnahme habe ich mir vor 2 Monaten weniger Zeit am Rechner und mehr Bewegung verschrieben. Dadurch wird die Zeit knapper und der Druck nimmt zu, mich für das eher Wichtige zu entscheiden. Einen Effekt der Multitasking-Entwöhnung hat auch die Entscheidung, nur die Programme zu öffnen, die ich gerade ganz aktuell benötige. Alle anderen bleiben geschlossen. Das klappt zwar nicht immer, aber es fällt mir auch nicht schwer. Seit einiger Zeit mache ich den Schreibtisch auch nicht mehr zum Frühstückstisch oder Nachts zur Theke. Naja, nicht mehr so oft. Diese Dinge brauchen ihre Zeit. Ab- und Ausschalten muss auch gelernt sein, ähnlich der Kunst des Schlafens. In diesem Sinne freue ich mich gleich auf mein Buch im Bett. Ich danke für Aufmerksamkeit und wünsche eine gute Nacht.
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11 Kommentare
1. kho am 16. November. 2005 um 07:53
Hallo Ralph,
oh ja, deine Gedanken, Erfahrungen kommen mir ebenfalls sehr bekannt vor;-)
Die Änderung der Wahrnehmung kommt schleichend, aber nachhaltig. Hundertschaften von Feeds wollen \”gescannt\” werden, die Listen werden länger und länger…
Fatal auch aus meiner Erfahrung ist die Neigung, Themen erst einmal zu \”sammeln\”. Du bist auf einer Seite, findest einen interessanten Text, einen Gedanken, einen Link. Aber keine Zeit, sich damit im Moment zu beschäftigen. Also erst mal den Link in die Sammlung kopiert, kümmern wir uns später drum. Informationshortung, völlig sinnentleert, das geht mir zumindest so, denn natürlich findet sich auch später keine Zeit, die Themen zu bearbeiten. Und so werden die Listen immer länger… und löschen kann man das natürlich auch nicht, denn man könnte ja irgendwann gerade diesen Informationshappen noch gebrauchen. Ist so wie Boden aufräumen.-))
Aber das, was du beschreibst, ist auch Abbild unserer Arbeitswelt. Das Rad dreht sich immer schneller, keine Zeit, Themen, Aufgaben wirklich zu bearbeiten. Es wird nur noch abgehakt…
Du sprichst mir da schon aus der Seele…
Dir einen hoffentlich entspannten Tag und liebe Grüsse, kho
2. Ralph am 16. November. 2005 um 09:51
Genau dieses Horten fiel mir gestern beim Schreiben auch ein, aber ich hatte das dann ausgeblendet. Das wahnsinnige Sammeln habe ich mittlerweile ganz gut im Griff. Ich horte meistens nur das, was ich auch gebrauchen will: Für einen Weblog-Eintrag, für meine Arbeitslinks etc. –
Ebenfalls einen schönen Tag.
3. Marcus V. am 16. November. 2005 um 11:56
»Als leichteste Gegenmaßnahme habe ich mir vor 2 Monaten weniger Zeit am Rechner und mehr Bewegung verschrieben.«
Ist wahrscheinlich auch die wichtigste Gegenmaßnahme. Denn was du da beschreibst, führt ja direkt zu Informationsüberflutung und mit letzter Konsequenz zu einem Burnout. Und dann kann man auf einmal gar nicht mehr arbeiten. Bewegung, Internetabstinenz, ein anderes Hobby, eine tolle Frau, ein echtes Leben mit Ausgleich, das alles schützt davor. Ist eigentlich genau wie mit dem Rauchen.
»Dadurch wird die Zeit knapper und der Druck nimmt zu, mich für das eher Wichtige zu entscheiden.«
Die Zeit wird eben nicht knapper ;) Im Gegenteil, du schenkst dir damit selbst mehr Zeit. Ist manchmal kein wirklich einfacher Erkenntnisprozess. Über meinem Schreibtisch hängt eine »How to work better«-Karte. Als erster Punkt steht da: »Do one thing at a time.« War für mich ein Schlüsselsatz ;)
4. Karl am 9. November. 2006 um 00:29
Hallo!
Hab nach “Informationsflut” gegoogelt und bin dabei auf diesen Artikel gestoßen. Du beschreibst ganz genau meine derzeitige Situation! Triffst den Nagel echt auf den Kopf. Meine Bookmarks wachsen von Tag zu Tag, die ungelesenen RSS-Einträge wollen auch nicht auf 0 schrumpfen. So viele interessante Tutorials, Podcasts, Screencasts, Bücher… Doch was hab ich davon? Eigentlich nicht viel, da ich viel mehr damit beschäftigt bin diese Flut an Infos zu verwalten, als das Beste daraus zu nutzen.
Ich merke, dass ich eigentlich den ganzen Tag vorm Notebook sitze und viel zu wenig Zeit anderen Dingen widme. Werde auf jeden Fall drauf schauen mehr Ausgleich zu haben, um nicht mal in einen Burnout zu gelangen.
Vielen Dank für die Bereicherung und Erleuchtung ;)
LG aus Wien
Karl
5. Ralph am 10. November. 2006 um 04:51
Gerne :-)
6. Silkester erzählt »&hellip am 30. November. 2006 um 16:57
[...] Segernt.net: Kognitives Zappen und Multitasking [...]
7. ralph-segert.de&hellip am 1. Februar. 2008 um 19:03
“Klick, und weg” und die coole Entfremdung…
In seiner neuen Kolumne mit Verrissen von Produkten, berichtet Peter Glaser in der Technology Review über den Abschiedsbrief-Generator und stellt diesen in den Zusammenhang einer “Klick, und weg”-Haltung. Nichts weniger als eine kultur…
8. Webzettel » “&hellip am 11. März. 2008 um 23:27
[...] durch ständige Aufmerksamkeit am Computer und im Internet stattfinde. Unter dem Titel Kognitives Zappen und Multitasking habe ich dazu meine Erfahrungen als Internet-Junkie aufgeschrieben. Die Auflösung der [...]
9. Webzettel » Permane&hellip am 10. April. 2008 um 22:47
[...] Information ohne Relevanz und Gewicht. Vielleicht spielt auch die als cool und hip empfundene Fähigkeit zur permanenten Ablenkung eine Rolle, verstärkt durch Erkenntnissuche ohne Mühe, die sich auf getwitterte [...]
10. Blog » Blog Archive&hellip am 14. November. 2008 um 14:39
[...] durch ständige Aufmerksamkeit am Computer und im Internet stattfinde. Unter dem Titel Kognitives Zappen und Multitasking habe ich dazu meine Erfahrungen als Internet-Junkie aufgeschrieben. Die Auflösung der [...]
11. Permanente Ablenkung und &hellip am 16. November. 2008 um 23:58
[...] Information ohne Relevanz und Gewicht. Vielleicht spielt auch die als cool und hip empfundene Fähigkeit zur permanenten Ablenkung eine Rolle, verstärkt durch Erkenntnissuche ohne Mühe, die sich auf getwitterte [...]