Das tägliche virtual Kurving in der Blogosphäre führt zu einem seltsamen Realitätsverlust. Man durchstöbert die abonnierten RSS-Feeds, speichert Links, die man verlinken will, postet mehr oder weniger fleissig selbst, liest gelegentlich (scannt aber immer), hadert auch manchmal und manchmal schmeisst man auch für kurze Zeit die Brocken hin. Das Internet ohne Weblogs ist nicht mehr vorstellbar! Der Gedanke an die Langeweile im Internetz, die dann herrschen würde, wird sofort verdrängt. Verdrängt wird auch, dass man die ganze Zeit einer Minderheitenvorliebe folgt und das Hypen seiner Freizeit- und Berufsbeschäftigung zeitweise zur Attitüde geworden ist.
Doch dann wird das Bekenntnis zum Weblog als der eigentliche Nabel der Welt arg erschüttert. Nämlich dann, wenn man aus seinem Weblogturm hinab in die harte Wirklichkeit des banalen realen Lebens steigt und beseelt von Blogkonsum auf Kunden, Freunde und Passanten trifft, um ihnen gleich nach der Begrüßung das Wort Weblog um die Ohren zu hauen, so als rede man von der Milch im Kaffee oder über das Wetter.
Eine typische Reaktion der betroffenen Zeitgenossen ist es dann, gar nicht auf das Wort zu reagieren, einige aber nicken wissend und wechseln schnell das Thema, während andere riesige Fragezeichen über ihre zunehmend von Geeks, Nerds und Bloggern strapazierten Köpfen aufbauen und verständnislose bis bedrohliche Stirnfalten ziehen. Doch der geile Blogger gibt nicht so schnell auf und hört sich auf einmal gutmütig und geduldig etwas von einem Tagebuch sagen und merkt zugleich – im günstigsten Fall -, dass es so schrecklich banal klingt, so dass er bitterlich bereut, jemals das Wort in den Mund genommen zu haben. Da ist auch der Zusatz Online nur ein schwacher Trost. Und während der Gesprächspartner am Verstand des Online-Junkies erste leise Zweifel hegt und an rosa Poesiealben oder an das Tagebuch der Schwester denkt, sucht unser beseelter Blogger fieberhaft nach neuen Worten für seine Berufung.
Die Rücksichtlosen kontern wohlmöglich dem Unverständnis mit Semantikfallen wie Kommentare posten, der die das Blog, Referrer, RSS und meine Feeeeds und ich , so dass der bereits zutiefst gelangweilte Zuhörer an die Penetranz von HiFi-Fans denken muss, die laut von Röhrenverstärkern träumten, Elkoerlebnisse mitteilten und alles und immer langatmig und arrogant zu begründen wußten. Plötzlich ist auch die Tatsache, dass jede Zeit ihre talentierten Fachidoten hat, kein Trost mehr. Und Flucht ist angesagt, wenn der sich missverstandene Blogger gleich noch einen drauflegt und sich solche Worte wie Wer nicht bloggt bleibt dumm, Medienrevolution und Demokratisierung des Netzes in den Bart textet. Selbst poetische angehauchte Varianten der Überzeugungstat sind gehört worden wie Hörst du nicht das Klicken in der Blogosphäre! oder Es war einmal ein Trackback … Jeder normale Mensch zweifelt spätesten dann am Verstand seines Gegenüber, da er sich diese verbale Wirrnis nicht anders erklären kann, wogegen der analytisch geschulte Mensch unter Umständen darüber nachdenkt, ein Buch zu schreiben über die Zerstörung der Identität im Zeitalter der digitalen Medien.
Wer sich nach einigen Erfahrungen – als Blogger, der in die Welt ging – seine Sprachlosigkeit gegenüber den Unbedarften einzugestehen vermag, wird nie mehr freiwillig von Weblogs reden und höchstens hartnäckigen Menschen mit angeborenem Neugiertool einen Versuch der Erklärung der Bedeutung der Tagebücher gewähren, wohlwissend, dass der einzige wirkliche Trumpf die zwar talfahrtgewohnte aber kontinuierliche Begeisterung ist, die man ungeachtet allen Nichtwissens auszuleben weiss. In den richtigen Kreisen, versteht sich.
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7 Kommentare
1. Lazerte am 28. Oktober. 2005 um 11:20
Schlagt mich meinetwegen, aber wenn es im Offline-Bekanntenkreis zum Schwur kommt und ich die Hosen runterlassen muss, sage ich:
\”*räusper* Ich hab da so ne… Homepage.\”
2. Ralph am 28. Oktober. 2005 um 11:38
Den Klugen werden wir niemals schlagen und Homepätsch is meistens ne sichere Bank. Auf Naserümpfen könnte man jederzeit passend parieren ;)
3. Peter Linzenkirchner am 28. Oktober. 2005 um 17:10
Ich bin erst seit kurzem aktiver Blogger – mitlesend schon etwas länger. Es ist suchterzeugend; und wie alle Suchten wirkt es auf die anderen absurd … Köstlicher Artikel, ich habe mich wirklich im Spiegel gesehen.
4. Niko am 31. Oktober. 2005 um 22:03
Ja!
Auch mir sprichst du aus der Seele.
5. Ralph am 31. Oktober. 2005 um 23:00
Ich hoffe, der Text hilft, das Thema Bloggerleid mit Humor zu nehmen. Dann bleibt Bloggen wohlmöglich schön und spannend, aber nicht mehr übermächtig metawichtig. ;-)
6. georg schober am 8. November. 2005 um 17:57
herzlichen dank für diesen sehr amüsanten artikel.
und überhaupt möchte ich mein herz hier und jetzt öffnen: ralph segert ist für mich die \”mutter aller blogger\” – vor gut drei jahren war sein damaliges blog unter den allerersten die mein interesse an der materie geweckt haben. er war also einer der hauptverantwortlichen die in mir die \”passive leidenschaft\” für die \”tagebücher\” erglühen ließen.
vor einigen monaten spitzte sich die situation allerdings zu. ich wurde zum \”mitbesitzer\” eines blogs. der grund war ausschließlich mein leichtsinn bei einer verlosung mitzumachen und auch noch zu gewinnen. Seitdem pflegen und hege ich gemeinsam mit meiner frau den \”duftenden doppelpunkt\”.
Duftender Doppelpunkt
7. Ralph am 8. November. 2005 um 19:26
Genau, muss ja auch mal gesagt sein! An meiner Brust haben schon viele gesaugt! Und mein erstes Blog hatte ich bereits 97 im \”Projekt Home\”. Mit Datum gabs da regelmäßig Surftipps rund um Webdesign, Kultur und Kunst.