Das segert.net weblog schrieb ich zwischen Oktober 2003 und Dezember 2007 mehr oder weniger intensiv. Weiter mit dem Blogging geht es auf ralph-segert.de.
ralphs
Einige Sommer blieben mir in guter Erinnerung und dieser wird dazu gehören. Entspannte Abende mit Freunden in der Natur bis spät in die Nacht, gute Gespräche, Ausgelassenheit, sonntägliches lockeres Pöhlen auf dem Aschenplatz, schmeichelnde, warme Atemzüge des Windes, auch die Dohlen, Kohlmeisen und Amseln, deren Nachwuchs wir mit Begeisterung beobachten durften (auch die Unterschiede), überhaupt die Natur in einem leisen Rausch des Wachsens am Rande des Ruhrgebietes. Einige Felder hören sich an, als gastierten unermüdlich singende Wattvögel, Raubvögel des Waldes schweben zwischen den Bäumen und das Licht der Abendsonne taucht alles in einen Zauber, der vergessen schien. Gestern wurde ich noch mehr verwöhnt. Ich war unterwegs mit dem Fahrrad in Gelsenkirchen und suchte das Fanfest der Engländer, hatte aber meine Fahrraddkarte vergessen. Doch fuhr ich guten Mutes und gemütlich durch die Gegend, beschloss dann aber nach erfolgloser Suche ins Café con Leche zu gehen, um dort bei einem Bier die zweite Halbzeit von Brasilien gegen Frankreich zu sehen. Das Personal war etwas überfordert und ich wartete auf mein Bier. Und während ich bereits mein zweites kühles Blondes genoss (eine der drei bedienenden Frauen hatte ein weiches Herz und sah den Durst, der mir ins Gesicht geschrieben war), schoß Henry ein wunderbares Tor nach einer genialen Flanke von Zidane, der es in den letzten beiden Spielen und vor allem in dieser zweiten Halbzeit allen häßlichen Quarktaschen gezeigt hat, die über seinen vermeintlich ruhmlosen Abgang vor Millionen Zuschauern lästerten. Derweil outete ich mich als spontaner Freund des französischen Spiels. Später fragte mich die Herrin der Theke, die wohl auch Chefin des Hauses ist, ob ich Franzose sei. Ich verneinte und sagte, dass die Franzosen grad jetzt den besseren Fussball spielten und dass ich endlich den Fussball sähe, den ich mir für diese WM gewünscht hätte und das Brasilien eigentlich auch einmal eine Abfuhr verdiene für ihre Spiele ohne Leidenschaft. Dann sprachen wir über ein paar andere herausragende Begegnungen, lästerten über den herausgeschundenen Elfmeter der Italiener und waren unseins darüber, wer das Endspiel bestreiten würde. Nach einem weiteren Bier setzte ich mich auf das Rad, um im dunklen kleinen Wald bei lauer Luft ohne Licht von vielen vielen Glühwürmchen auf fast dem ganzen Weg durch Die Baut begrüßt zu werden, die den Sieg der Franzosen mit begeistertem Laternengeschwirre zu feiern wussten. Derart bestätigt verlangsamte ich meine Fahrt, blieb manchmal stehen und bewunderte das Schauspiel im leisen Rauschen der Blätter.
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4 Kommentare | Kommentar schreiben
1. Denis am 3. Juli. 2006 um 00:15
HTML-Poesie um Mitternacht, wer will da schon noch ins Bett gehen…? viva la france
2. Onno am 3. Juli. 2006 um 10:07
Danke fürs mitfahren lassen!
3. comrat am 4. Juli. 2006 um 09:25
Schön zu sehen, daß es noch Menschen gibt, die das Leben wahrnehmen. Danke für die entspannenden Einblicke und, ich sage das als Nicht-Fußballfan, danke für die etwas objektiver scheinende Betrachtung eines Spieles.
Ich bin immer für den Spieler, der gerade die schönsten Spielzüge zeigt, schaue aber circa nur ein Spiel pro Jahr.
4. kranich05 am 4. Juli. 2006 um 22:13
Ich mag Zidane und Glühwürmchen.