Die politische und ethische Dimension der Suche nach dem Unwort des Jahres wird deutlich, wenn wir Wendungen wie “Rentnerschwemme” für die steigende Anzahl alter Menschen, “Zellhaufen” für Embryo und “Sozialleichen” für Tote in Elendsvierteln zu hören bekommen und wenn wir uns in die menschenverachtenden Untiefen der deutschen Bürokratien begeben, wo “‘Personalentsorgung‘ für Entlassung, ‘aufenthaltsbeendende Maßnahmen‘ für Abschiebung … oder ‘Angebotsoptimierung‘ für eine Reduzierung von in ländlichen Regionen teils lebenswichtigen Dienstleistungsangeboten – den ‘Rückbau‘ von Schienennetz, öffentlichen Telefonen, Postfilialen oder Briefkästen” – steht. Diese Sprache erinnert an die NS-Zeit, was Tom Wolf in dem Artikel Deutsche Sprache, schlimme Sprache zum Ausdruck bringt:
“Deutsche Unworte haben nicht selten ihre Vorbilder in der NS-Zeit. “Ausländerfrei” (1991, Parole in Hoyerswerda) und das Naziprädikat “judenrein” sind von gleicher Bauart. “Wohlstandsmüll” – die 1997 zum Unwort gewählte Umschreibung des Nestlé-Managers Helmut Maucher für arbeitsunwillige und arbeitsunfähige Menschen – klingt nur unwesentlich parfümierter als die nationalsozialistischen Entsprechungen “Ballastexistenzen” und “Volksschädlinge”, beides Spielarten des Haupt-Unwortes “lebensunwertes Leben”. Die Nazis waren Spezialisten für Unworte: “Aufnordung”, “Sonderbehandlung”, “Umsiedlung” oder “Transportierung”, “außerordentliche Befriedungsaktion”, “Gebietseingliederung” – die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Eine der wirkungsvollsten Studien über die “Lingua tertii imperii”, die Sprache des Dritten Reiches, hat Victor Klemperer nach dem Krieg unter dem Kurztitel “LTI” veröffentlicht. Sein sprachkritisches Tagebuch regte spätere Untersuchungen über das Fortwirken des NS-Deutschs an, etwa Dolf Sternbergers “Aus dem Wörterbuch des Unmenschen”, dessen Bemühungen die heutigen Unwort-Fahnder weiter verfolgen.”
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Kommentare
1. at am 10. Januar. 2005 um 09:50
Es empfiehlt sich aber schon, einerseits \”Bild\”-Sprech und Schönfärbereien für skandalöse Sachverhalte sowie andererseits sinnvolle Verdeutlichungen auseinanderzuhalten. — Zu welcher Kategorie \”Unwort\”, \”Elendsviertel\”, \”arbeitsunwillig\”, \”sprachkritisch\” oder \”Unmensch\” gehören, sollte bei dieser Gelegenheit vielleicht auch geklärt werden.
2. Ralph am 10. Januar. 2005 um 11:57
Ich bin offen für jede Klärung, nur zu! Welche Kategorie denkst Du Dir für das Wort Elendsviertel?
3. at am 10. Januar. 2005 um 12:21
\”Elendsviertel\” ist meines Erachtens eine boulevard-kompatible Umschreibung für einen stark verarmten und verwahrlosten Stadtteil.
Aber mir geht es darum, dass es eben keine Klärung geben kann. Behördliche und juristische deutsche Sprache hört sich heute so an wie auch schon vor siebzig Jahren. Dass sie sich auch außerhalb ihres eigentlichen Einsatzzweckes verbreitet, liegt an den den vielen Juristen und Beamten innerhalb der Politik und den Journalisten, die nur noch zitieren, statt die Information verständlich aufzubereiten — ohne sie natürlich wie \”Bild\” auf Kindergarten-Niveau zu skalieren.
Letztlich kommt es ja auch auf den Zusammenhang an, denn längst nicht jede \”Umsiedlung\” oder \”Sonderbehandlung\” verhönt ihre \”Objekte\”, während sich andere Begriffe gewissermaßen von selbst verbieten. Nur sollte man eben in keine Hysterie verfallen, also nicht mit dem Hakenkreuz auch gleich den rechten Winkel tilgen.