
Traue ich einem alten Fax an Compuserve, dann hatte ich am 11. März 1996 meinen ersten Tag im Internet. Das kann gut sein, denn vor zehn Jahren und zwei Tagen war der Tag ein Montag und es war ein typischer Montag, denn ich brauchte viele Stunden, um das zugeschickte 14.4er Modem auf Win 3.1 zu installieren. Als es dann klappte, war aller Ärger vergessen und in den nächsten Wochen verdrängte ich zunehmend, dass ich mich in Düsseldorf einwählen musste und das kostete 7,20 DM die Stunde.
Die erste Woche verbrachte ich vorwiegend in Compuserve-Foren. Ich war hin und weg, als plötzlich einmal ein Fenster aufpoppte und jemand mit mir chatten wollte. Dann traute ich mich immer öfter in das große Internet und ich kann mich noch gut an die Verwirrung und an das Gefühl des Unfassbaren erinnern, die meine kurzen Surftouren über web.de begleiteten. Und wie aufregend Downloads waren! Da ich mich nicht traute, die Dateinamen zu ändern, schrieb ich sie mir auf und notierte in Klammern Sinn und Funktion der Datei.
Zum ersten prägenden Erlebnis gehörte eine Email an Peter Glaser und seine Antwort innerhalb von einigen Stunden. Er schickte mir Links für Internet-Einsteiger. Ich war überrascht und sehr beeindruckt. Kein Wunder, dass mir auch heute niemand den Dienst Email schlecht machen kann. Ein paar Wochen später half mir Stefan Münz mit zwei geduldigen Antworten weiter. Ich fragte ihn naiv, ob man sich als jemand, der Webdesign machen wolle, auf HTML oder eher auf JAVA konzentrieren solle. Seine Antwort kam prompt und war geprägt von Verständnis für den Newbie.
Dass ich Hilfe in meinem ersten Internet-Frühling bitter nötig hatte, war kein Wunder, denn ich hatte die Aufgabe, für die Live-Präsentation eines Bildungsprojektes eine Website zu erstellen. Ich hatte ganze drei Wochen Netzerfahrung und zwei Wochen Zeit. Nur ein Schimmer von HTML war zugegen. Auch wußte ich nicht, wie ich Grafiken für Websites erstelle. In Corel Draw gab es noch keine Konvertierung zu GIF und JPEG. Ich weiss noch, wie ich anhand von ausgedruckten Seiten aus SelfHTML (1.0?) mein erstes Layout erstellte. Ich weiss auch noch, wie verzweifelt ich darüber war, dass meine Grafiken so Scheisse aussahen. Mit Hilfe des Netzes bin ich noch rechtzeitig fertig geworden und die Grafiken sahen einigermassen aus. Der Projektleiter, später ein Unterstützer meines Fortkommens, war soweit zufrieden, nur hatte er die glänzende Idee, dass ich mein Werk doch auf Frames umstellen solle. Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, dass ich mit beeindruckenden Augenringen am nächsten Vormittag die Website zum Besten gab.
Trotz der bescheidenen Gestaltungsmöglichkeiten war ich schnell auf die Idee gekommen, eigene Projekte ins Netz der Netze zu stellen. Ich nahm teil am 1. ZEIT Internet-Literaturpreis (mit Michael Charlier als HelpDesk). Meine Wörter waren zwar erfolglos, aber die erste Erfahrung mit eigenen Texten auf eigener Homepage motivierte mich zu Projekten wie das Projekt Home und Cyberzine Krit.

Im Juli 1996 veröffentlichte ich mein erstes Email-Interview. Ich suchte und besprach zudem regelmäßig Websites und Künstler aus den USA, die durch tolles Webdesign und beeindruckende Werke auffielen. Ich machte im Grunde genommen das, was heute ein Tumbleblog macht. Begeistert und kurz stellte ich allerlei Netzfunde und Netzschätze vor. Kultur und Kunst, Webdesign und Gestaltung, Netzliteratur und Netzkultur waren die Themen, die mich anzogen und die lange Zeit dafür sorgten, dass keine Telefonrechnung unter 500 DM blieb.
Faszinierend fand ich auch sogleich die Möglichkeit der Gemeinschaftsprojekte. So gründeten Claudia Klinger und ich im Herbst 1996 die Mailingliste Netzkultur, die ein paar Monate sehr intensiv diskutierte und, so glaube ich, gut 300 Netizens an einen virtuellen Tisch brachte. Kurz zuvor stellten Gerd Marstedt von Kultur online und ich die Umfrage über Netzzukunft ins Web. Dort haben einige Netizens mitgeschrieben, die ich wenig später auch im real life kennenlernen sollte und mit denen ich vorwiegend das eine tat: leidenschaftlich über das Internet diskutieren.
Mein erstes Internetjahr bleibt unvergessen. Es gab da das Gefühl von einer virtuellen Familie. Geben und Nehmen waren längst nicht so anstrengend wie heute und das Danke und das Du weitaus selbstverständlicher. Es gab noch keine abmahnenden Anwälte und die Presse von Spiegel und Co machte sich lächerlich, weil sie die große Internet-Kriminalität und -Pornografie, die unsere Jugend verderbe, beschwor.
Das erste Jahr verhalf mir zudem zu meinem ersten Kunden, den mein schlichtes Webdesign begeisterte. Insgesamt war für mein heutiges Verständnis von Geben auch die Erfahrung als Autodidakt entscheidend, denn sie hilft mir auch heute, ohne Arroganz und DAU-Abwehr zu unterstützen und zu erklären.
Nun, wie war es denn bei Euch im ersten Jahr? Laßt Euch nicht lumpen und schreibt hier Eure Story. ;-) Denn eines fasziniert mich seit 10 Jahren am Internet besonders, nämlich die vielen Ideen und Anläße des kleinen und großen Austauschens und eben das, was ich lerne und erfahre dadurch.
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9 Kommentare
1. kho am 13. März. 2006 um 21:14
Hallo Ralph,
ich kann mich auch noch sehr gut an Compuserve erinnern. Das Netzt bestand auch für mich in der ersten Zeit aus den dortigen Foren. Und ja, mit Modem, kann man sich heute in Zeiten von dsl kaum vorstellen. Und teuer war das damals…
Meine Güte, ich war fasziniert, als ich mit grossen Mühen in meinen alten 386er ein cd-rom Laufwerk eingebaut hatte. Und Bandsicherung gab es auch noch.-))
Die ersten Schritte dann mit eigener domain und dem wohl für den Anfänger unvermeidlichen Frontpage… später dann der Umstieg, auch mit Hilfe von self-html.
Ich habe mich zwar nie hauptberuflich mit dem Netz beschäftigt, aber es ist zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden. Meine erste Internet-Seite ging Ende der 90iger Jahre ins Netz. Und ich weiss noch, wie stolz ich darauf war:-))
Ja, die Zeit, die gute, alte:-))
Liebe Grüsse für dich, kho
2. Denis am 13. März. 2006 um 23:10
Schöne Zeitreise in die Vergangenheit! ;)
3. Heinz am 14. März. 2006 um 00:15
Ach ja, anno 1996, wie war das denn noch: Zur damaligen Zeit hatte ich zu Hause noch gar keinen Rechner. Im Büro liefen die Programme (zuverlässig) unter DOS. Obwohl immerhin klar war: Eine Maus muss her!
Unter “Internet” konnte ich mir reinweg gar nichts vorstellen. Was das so etwas wie “Fernsehen”?
Im September desselben Jahres zog “Windows 95″ in meine Wohnung ein und fand einen schönen Platz im Wintergarten.
Von da an ging alles ganz schnell. Obwohl ich heute denke “Wie, erst 10 Jahre ist das her?”. Für mich war Ralph Segert ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg, das Web zu erschließen. Nicht zuletzt sein KriT Letter gab mir entscheidende Impulse und weckte meine Neugier auf mehr und mehr.
“Das Internet ist Geben und Nehmen”. Diese Worte hat er mir vor einigen Jahren schon mal gesagt. Ich weiß, dass er sie ernst nimmt und lebt. Auch wenn er erheblich mehr Zeit fürs “Geben” investiert als fürs “Nehmen”. Seine Freunde und Bewunderer danken es ihm.
Ehrlich.
4. Verena am 14. März. 2006 um 00:45
Seit 10 Jahren bereicherst Du das Internet mit schönen Seiten, Bildern, Projekten, immer neuen Ideen und steckst an mit Deiner Begeisterung. Ohne Dich hätte ich es wohl kaum so intensiv kennengelernt.
Du bist mein Held vom Internetz. Und auch so.
5. Oliver am 14. März. 2006 um 08:05
Ein wunderschöner Text und er ruft tatsächlich schöne Erinnerungen wach. Es mag nicht viel später gewesen sein, als ich damals (als Student und Comic-Fan) zum ersten Mal über das Modem meines Bruders ins Netz ging und amerikanische Seiten von Comic-Verlegern und Comic-Fans fand, die schnell für mich zum Pflichtprogramm wurden.
Kurze Zeit später folgte für mich auch die eigene Verbindung ins Netz, der Wille, auch Seiten zu bauen (natürlich auch mit Stefan Münz’ Wunderwerk) und mit krit.de – welches immer eine Quelle der Inspiration und ein Online-Fixpunkt war, zu dem ich immer gerne zurückkehrte.
Ich weiss noch, dass ich später jeden Tag fieberte, ob denn der neue Krit-Letter in meiner Inbox läge – und wenn er dann kam, wurde erstmal gesurft, stundenlang :) Danke dafür!
6. Christian Leipnitz am 14. März. 2006 um 11:00
Ach ja, die alten Zeiten. :)
Zwar ist es nicht 10 Jahre her, sondern “erst” knapp 6, trotzdem erinnere ich mich sehr gerne an den KriT-Letter und den write5-Wettbewerb zurück. :)
7. Connie am 14. März. 2006 um 19:03
ja, 10 Jahre.. und SELFHTML 1.0, hast du das noch irgendwo digital? Stefan sucht das doch…
meine allererste Webseite habe ich von Compuserve rübergerettet, steht noch auf
avantart auf compuserve
und war damals schon zweisprachig.. schon damals zogs mich in die Ferne.. .
Gruss, und auf die nächsten 10 Jahre!
8. Ralph am 14. März. 2006 um 19:52
Cool! Mit dem ehemals so begehrten Best of Internet Top Homepage Award. :-)
9. Compuplus am 21. April. 2006 um 00:37
10 Jahre Online hatten wir auch gerade als Jubiläum und stehen vor dem Relaunch. Glückwunsch!